Pressespiegel - Sprung in der Schüssel?

LuxWort_1Aus dem Luxemburger Wort vom 14.04.2012

Bürger machen Kampagne gegen kostenloses Anzeigenblatt

VON ANGELIKA KOCH

Was muss geschehen, bis Deutschlands berühmtester Krimiautor, ein parteiloser Landrat, Europas Marktführer in Sachen Satellitenschüsseln und eine derzeit über 300-köpfige Facebook-Gruppe aneinandergeraten? Geburtshelfer für diese bemerkenswerte Konstellation ist ein Anzeigenblatt namens „Eifel-Zeitung“.



Nicht eben verbal zimperlich geht es bei der Lektüre des kostenlosen Anzeigenblatts „Eifel-Zeitung“ zu, welches in einer genannten Auflage von 70 000 Exemplaren in die Briefkästen weiter Teile der Eifel und des Mosellands flattert. Die Artikel tragen schon mal Überschriften wie „Die ‚Hetzgemeinde‘ hat Schnappatmung“, wenn es um die Schilderung einer Bürgerversammlung geht, die das Missfallen des immer ungenannten Autors findet.

Der sozialdemokratische Landesvater wird in einer Titelstory mit der Frage „Wie lang noch ist Rheinland-Pfalz unter Kurt Beck überlebensfähig?“ seziert, der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Billen bekommt sein Fett weg beispielsweise in einem Artikel, der ihm die Zugehörigkeit zu einer „Spezies“ attestiert, welche in eine Art „parteiliche Zweit- oder gar Drittklassigkeit abgedriftet“ sei.

Ein Zeitungsprodukt mit Trennschärfe Mithin ist die „Eifel-Zeitung“ nichts für zarte Gemüter, und in den 15 Jahrgängen seit ihrer Gründung 1865 – so jedenfalls steht es Woche für Woche auf dem Deckblatt – hat offenbar jede Partei oder Wählervereinigung des Erscheinungsgebiets herbe Redaktionshiebe geerntet. Jede mit Ausnahme der Bürgerunion Vulkaneifel (BUV), einer Wählervereinigung, die vom Unternehmer Peter Lepper gegründet wurde und der er vorsitzt. Lepper sitzt im Kreistag der Vulkaneifel und ist im Großherzogtum, insbesondere bei SES in Betzdorf, sowie im Rest von Europa kein Unbekannter.

Zu seinem Firmenimperium TechniRopa Holding zählt eine abwechslungsreiche Schar von Konzerntöchtern: TechniSat beispielsweise stellt Satellitenschüsseln her, TPS TechniTube fertigt Röhren oder Eifelacker&Wald ist mit Wodka und Haferflocken am Markt. Auch jenes bunte Druckerzeugnis mit dem Titel „Eifel-Zeitung“ ist zur Hälfte TechniRopa-„Kind“. Dessen anderer Elternteil ist Geschäftsführer des munteren Buchstabentreibens, verantwortlich im Sinne des Presserechts und ebenfalls ein Peter: nämlich Peter Doeppes.

Damit zeichnet der – und nicht Peter Lepper – offiziell verantwortlich für den Widerspruch, dass die „Eifel-Zeitung“ auf ihrem Deckblatt einerseits stets behauptet, „für Wahrheit und Recht“ zu stehen, andererseits im Impressum einräumt, alle Beiträge gälten als Meinungsäußerung. Soziopathen im Netz Was vielfach als lokaler Spleen zweier Peter gewertet wurde, erfährt nun in den rheinland-pfälzischen Printmedien und Rundfunksendern ungeahnte Aufmerksamkeit.

Der Eifelkrimi-„Guru“ Jacques Berndorf protestierte in einem Offenen Brief an Peter Lepper gegen das Anzeigenblatt, bei Facebook gründete sich eine derzeit 160 Mitglieder umfassende Gruppe „Keine Eifelzeitung“. Der Anlass: Die „Eifel-Zeitung“, einst vehemente Befürworterin des Vulkaneifeler Landrats Heinz Onnertz, wendete sich um 180 Grad und schießt nunmehr mit weiterhin anonymer Autorenschaft, aber schwerem verbalen Geschütz gegen den parteilosen Landrat, der mit großer Mehrheit gewählt wurde und eventuell zur Wiederwahl ansteht. Onnertz, einst Richter am Amtsgericht Daun, wird beispielsweise in der Ausgabe der Kalenderwoche 14 die Fachkompetenz abgesprochen, er erscheint in der „Eifel-Zeitung“ als „Jurist“ in Anführungsstrichen.

Nicht verifizierbare und inoffizielle Äußerungen, die Onnertz angeblich im Hinblick auf eine private Bahngesellschaft gemacht hat, wurden bereits zuvor in behauptete Zusammenhänge von Korruption gestellt, die – wenn sie hieb- und stichfest wären – wohl staatsanwaltschaftliche Ermittlungen nach sich zögen. Die Artikel sind permanent von dieser Tendenz geprägt und wirken wie eine Dauerberieselung.

Der Kampf um den Landratsposten hat begonnen Seit Wochen wird das bunte Anzeigenblatt jedoch etlichen Bewohnern der Region zu bunt. Jacques Berndorf schreibt in seinem Offenen Brief an Peter Lepper von einer „tiefen Sorge um die ausufernden politischen Feindschaften, die Sie in nahezu jeder Ausgabe heranzüchten“. Auch Mitglieder der Facebook-Gruppe kritisieren: „Eine Zeitung, die unverlangt wöchentlich als schlecht verkleidetes Propagandablatt in jeden Haushalt flattert, richtet mehr Unheil an, als mancher von uns glauben möchte.

So darf man mit Menschen nicht umgehen!“, wehren sich Buchhändlerin Monika Kramp und Verleger Ralf Kramp. „Ein Anzeigenblättchen zum politischen Organ eines Einzelnen zu benutzen ist eine Sache, die schon fragwürdig ist“, meint der Journalist und grüne Kreistagsabgeordnete Karl-Wilhelm Koch, „dann aber hierin Häme und Dreck auf andere zu schütten ist ein No-Go!“ Seitdem gilt das vormals von der „Eifel-Zeitung“ zur Eigenwerbung genutzte soziale Netzwerk in einem Artikel als „Tummelplatz für Soziopathen“. Befragt man Peter Lepper und Peter Doeppes zu ihren Vorstellungen von investigativem und ausgewogenem Journalismus, den die „Eifel-Zeitung“ nach eigenem Bekunden betreibt, so erhält man keine Antwort. Ebenso schweigsam bleiben beide angesichts der Bitte um Statements zum Verhältnis von Anzeigenblatt und Wählervereini-gung oder zu ihren Reaktionen auf die Facebook-Gruppe, deren einzelne Mitglieder seit Wochen von Anwälten der „Eifel-Zeitung“ abgemahnt und mit Klagen bedroht werden. Auch keine Antwort gibt Peter Lepper auf die Frage, ob die Bürgerunion Vulkaneifel (BUV) einen eigenen Landratskandidaten aufstellen wird.

Aufschlussreicher ist da ein Interview der „Eifel-Zeitung“ vom Januar 2011 mit dem ehemaligen CDU-Mitglied Uli Diederichs, der in die BUV überwechselte. Diederichs äußerte dort das Ziel, bei der Kommunalwahl 2014 in dem Teil des Landkreises Bernkastel-Wittlich anzutreten, der geografisch zur Vulkaneifel gezählt werde. Und wenn die Landesregierung der Vernunft folge, seien jene Gebiete dann bereits Bestandteil der Verbandsgemeinde Daun, also der Vulkaneifel.


Daraus erschließt sich das rationale Kalkül des vordergründig bizarren Konflikts: Es geht letztlich darum, den Hut in den Ring der Landratskandidatur zu werfen. Angesichts der nicht unwahrscheinlichen Fusion der beiden Kreise Bitburg-Prüm und Vulkaneifel geht es auf lange Sicht für Luxemburg darum, mit wem da in der Nachbarschaft gut Kirschenessen ist ... oder eben nicht.

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